Halloween…

Oktober 30, 2008

...noch ein Grund, Angst zu haben!

...noch ein Grund, Angst zu haben 😉

Drei mal tot.

Oktober 30, 2008

Washington, nicht New York, Chicago oder New Haven steht in der Kriminalitätsstatistik ganz vorne. Ist ja klar, sagen manche. In Washington wohnen etwa 2/3 Schwarze, die meisten davon in der „No go area South East“.

Niemand sagt offen, er habe Vorurteile gegenüber Schwarzen und schon gar nicht seit es Barack Obama gibt. Dennoch bin ich überzeugt, dass alle Vorurteile gegenüber Schwarzen noch da sind. Jeden Tag erprobe ich mich und finde sie bei mir selbst, trotz meiner Ignoranz-Haltung (ich gehe nach 20 Uhr abends allein zu Fuß in meiner Wohngegend in Washington vor die Haustüre).

Ich bin heute von der Arbeit im schönen Georgetown losgegangen in Richtung Adams Street als es schon dunkel war. Bin wie immer zur Bushaltestelle gelaufen (allein die Tatsache, dass ich mit dem Bus fahre, erschreckt manche in meinem Büro, hören sie, wo ich wohne, heißt es: „Wie bist du denn in so einem Viertel gelandet?“).

Ich brauche noch was aus dem Supermarkt, steige auf halbem Weg aus dem Bus aus.

Gerade eingekauft, jetzt schnell nach Hause. Tja, der G2 Bus kommt erst in zehn Minuten. Naja dann laufe ich eben schon mal bis zur nächsten Haltestelle, keine Lust blöd rumzustehen und zu warten. Die nächste Haltestelle erreicht. Stehe und warte. Dauert ewig. Eine Polizeistreife fährt vorbei, macht langsam, dreht an der nächsten Kreuzung um. Die Polizei hält direkt vor mir an. Zwei schwarze Officers fragen, ob ich vom Supermarkt hierher gelaufen sei – ja klar bin ich das, hab ja genügend Tüten in der Hand. „Ist ne ziemlich dunkle Ecke hier. Sie sollten nicht hier warten, lieber woanders, wo mehr Leute sind. Be aware!“, sagen die Polizisten. „Ja“ sage ich und „Danke“. Jetzt fange ich an zu überlegen. Ich könnte Angst haben. Ist schon echt dunkel hier und man sieht niemanden auf der Straße. Gegenüber im Garten eines Hauses liegt haufenweise Unrat, nebenan sind die Fenster vergittert, nicht gerade eine Vorzeigegegend, stelle ich fest. Dann läuft jemand vorbei. Ein schwarzer, vielleicht Mitte 20. Wird er mich überfallen? Er geht vorüber – puh! Was hab ich nur für Glück gehabt, ich wurde nicht überfallen oder erschossen. Und der Bus kommt – einsteigen.

Ich steige ein paar Haltestellen früher aus dem G2 Bus aus. Möchte das letzte Stückchen Heimweg zu Fuß gehen. Ich laufe von der Rhode Island Avenue die restlichen fünf Blocks bis zum Haus. Ich biege in die First Street ein. Die Plastiktüte vom Einkaufen pendelt in meiner linken Hand. Ich muss gleich die V Street überqueren. Da sehe ich links an einem Hauseingang fünf junge, schwarze Männer stehen. Sie reden, scherzen, haben Rucksäcke oder Plastiktüten in der Hand. Einer hat ein Fahrrad vor sich stehen. Es ist düster, sie sind schwarz. Mein Blick ruht einige Sekunden auf der Gruppe: Eine Gang, gerade haben sie den Kokain-Deal klar gemacht, der eine zieht die Waffe aus der Hosentasche und spielt damit rum. Dann richtet er sie auf mich, drückt nicht ab. Kommt auf mich zu, bedroht mich, würgt mich, will all mein Geld, die ganzen 20 Dollar! Ahhh nein stopp! Irgendwo ist meine Fantasie eingesprungen und die Geschichte hat sich verselbstständigt.

Ich überquere die Straße, gehe an der Gruppe vorüber. Von den Jungs werde ich gar nicht beachtet, nicht mal ein „Hey Baby“ rufen sie mir nach. Ich laufe weiter die First Street entlang. Mann, habe ich jetzt Glück gehabt, dass mich keiner umgebracht hat, denke ich. Schmunzelnd bin ich gleich wieder in andere Gedanken versunken und blicke vor mich hin. Muss ich morgen noch mal etwas über Florida recherchieren? Wann war die eine Pressekonferenz? — Neben mir sagt einer „Hi, how are you“, ein Schwarzer. Ich erkenne ihn kaum, es ist so dunkel, noch viel dunkler, als ohnehin um 7 Uhr abends. In den Gehsteig ragt Gestrüpp, zwei Bäume werfen ihren dichten Schatten. Ich sage wie automatisch: „Good. Thanks.“, blicke schon wieder nach vorne, wo sein kleiner Hund, mit dem er Gassi geht, umherwatschelt. Dann denke ich mir: Eigentlich hätte ich ja zu Tode erschrecken müssen: Ich hatte den Mann nicht gesehen, bevor er mich gegerüßt hat, es ist stockdunkel und eine düstere Ecke in einem der eher mittelguten Stadtviertel. Nicht mal einen Hund hatte ich dabei, das war ja seiner!

Dieses Mal bin ich nicht erschrocken, ein anderes Mal schon. Vielleicht schaffe ich es, die Angst vorm Schwarzen Mann für mich zu überwinden. Oder ich werde irgendwann ausgeraubt und hatte heute einfach Glück in meinem Leichtsinn.

Eigentlich weiß ich gar nicht worüber ich bloggen will – aber ich muss es ja mal wieder tun, da ich von allen Seiten gefragt werde, ob ich noch hier bin. Ja, ich bin es. Hier ist so viel los, dass es eigentlich Unmengen von Themen für den Blog gibt, aber eigentlich sind es auch keine Themen.

– DIe Umfragen nähern sich an, dann wieder nicht, dann wieder doch und dann wieder …. . Ganz ehrlich: Ich würde es wie an Heiligabend machen, einfach nicht mehr in das Wohnzimmer gehen und nach den Geschenken schauen. Es ändert sowieso nichts. Es dauert noch eine Woche und bei aller Vorliebe für gepflegte deutsche Sprache: Die Umfragen sind einfach scheisse, weil jedes Insititut eigene Berechnungsgrundlagen hat und was man nicht vergessen sollte: Viele Meinungsforscher vertreten politische Positionen und sind eng mit den Parteien verknüpft. Ist doch klar, dass da jeden Tag eine neue Sau durch Washington gejagt wird.

Dann könnte ich noch über meinen Büroplatz bloggen:

– Leider habe ich noch kein Foto, aber eine Beschreibung reicht glaub ich schon: 11. Stock im National Press Buildung, Eck-Großraumbüro mit Blick auf Treasury Departement und Balkon Weißes Haus. Noch Fragen?

Ich könnte über die Kälte bloggen:

– hier ist es ziemlich kalt geworden, aber das ist es in Deutschland schon länger. Also eigentlich kein Blog-Thema.

Ein Blog-Thema wäre auch, dass ich Bügeln kann:

– Keine Angst, ich werde jetzt kein literarisches Meisterwerk abliefern, in dem ich meine Erfahrungen am Bügeleisen nicht in infantile Schilderungen „wie es war mein erstes Mal“ einbette. Aber es war gut.

Ok, beim ersten Mal guckt man glaub ich anders 🙂

Dann wäre noch als Blog-Thema die Halloween-Feierlichkeiten:

– Heidi hat ja schon ihre Erfahrung fotographisch mitgeteilt. Da kann ich nur noch mitteilen: Ich bin auf keinem Foto zu sehen, da meine Drag-Queen-Verkleidung so gut war. 

 

Eigentlich alles keine Themen, trotzdem habe ich darüber gebloggt. Naja, habe eben gelesen, dass Bloggen auch immer etwas selbstreferentielles hat. Stimmt!

Darum noch ein Foto von mir:

Mit Drag Queens auf der 17. Straße

Heute mal kein Obama, kein McCain dafür jede Menge bunte Menschen und total viel spaßige Gestalten:

Jedes Jahr kurz vor Halloween gibt es auf der 17. Straße ein 5-minütiges Straßenrennen in Absatzschuhen. Aufgestylte Drag Queens zeigen, wie schnell sie sind auf 10 Zentimeter Absätzen! Danach wird wild gepost für Fotos. Das Ganze ist ein großes Straßenfest mit schrillen Outfits. Die Drag Queens müssen sich wie Stars fühlen – jeder will Fotos von und mit ihnen haben.

Manche waren auch politisch!

Manche waren auch politisch! Die links hält das "Buch der Mormonen" in der Hand.

Damit wurde gerannt!

Damit wurde gerannt!

)

Meine Vermieterin *crazy* Paula, Drag Queen & ich 🙂

Super-Drag!

Super-Drag! SORRY für das Belichtungsproblem! War nicht meine Cam...

Oktober 23, 2008

Obamastock

Oktober 23, 2008

Obama-Rally in Leesburg

Obama-Rally in Leesburg

Okay, schlechtes Wortspiel – aber es erinnerte mich doch sehr an ein Festival wie die Leute heute nach Leesburg/Virginia aufs freie Feld gepilgert sind . Mitten in einer Wiese hat Barack Obama einen seiner Wahlkampfstopps gemacht, im Swing State Virginia. Spaziert man ein wenig durch das kleine Leesburg, so sieht man an diesem Tag viele, große McCain/Palin Plakate. Die Gegenpropaganda läuft. Aber Obama/Biden-Schilder stehen auch in vielen Vorgärten: so stelle ich es mir vor in einem Swing State! Virginia war traditionell immer rot und Obama und seine Vorredner kündigten bei der Rally an „let’s turn Virginia blue“.

Der obligatorische „I love you“ Schrei aus dem Publikum kam genau rechtzeitig gleich am Anfang der Obama-Rede und lockerte die Stimmung auf. Obama antwortete wie gewohnt mit einem singenden „I love you too“. Alle lachen, sind fröhlich und filmen und fotografieren.

Wenn Obama drei Minuten das Thema Wirtschaft anschlägt, blicken sich die Zuhörer nach einer Minute um, sie werden ungeduldig. Ich selbst bemerke, wie kalt es eigentlich ist und dass über mir Hubschrauber fliegen. Ein undankbares Thema bei einem Open-Air-Festival. Die Zuschauer  in Leesburg wollen ständige Interaktion. Sie wollen beschäftigt sein mit Klatschen, Buh rufen, Plakaten hochheben, Lachen und sie wollen Geschichten hören, die sie selbst berühren. Eine von Obamas Großmutter zum Beispiel, die sich totkrank mit mit ihrer Versicherung streiten musste wegen der Bezahlung der teuren Medikamente. Damit kann man sich identifizieren.

FOX News und NBC Reporter beim live-GesprächDerweil wickeln alte Medienprofis Live-Schalten vor vielen Kameras, umgeben von anderen Journalisten und hinter sich die Obama-Fanmenge ab wie den Gang zum Restroom. Ohne Schminke und bloß mit einem mit großen Buchstaben beschriebenen DIN A4 Blatt in der Hand erklärt der Fox-Reporter den Zuschauern was in Leesburg los ist. Ohne eine Schweißperle, total cool. Auf dem A4 Blatt stehen höchstens 10 Zeilen Text in großen, kritzeligen Buchstaben. Damit hat er wohl seine fernsehtauglichen Fakten zusammen. Neben ihm spricht die NBC-Kollegin ihre Worte.  

Leesburg hat außer einem Café, das passend „Georgetown“ heißt (so heißt das Viertel, in dem das ZDF sein Studio in Washington hat), nicht viel zu bieten. Es ist ein beschauliches Städtchen, eine Wohngegend. Und an diesem Mittwoch Nachmittag hat es sich zu einem Verkehrsknoten entwickelt. Mit seiner Rally trug Obama heute fleißig zur Klimakatastrophe bei 😉  Stop and Go, bestenfalls noch Go, und das von 1 Uhr mittags bis Stunden nach dem Obama-Auftritt. Nicht alle, die ihn sehen wollten konnten rechtzeitig auf dem Gelände sein. Viele konnten nicht mehr von der Security geprüft werden, vor dem Auftritt und hatten hoffentlich ihr Fernglas dabei.
Ida Lee Park

Obama-Fanzone am Mittwoch: 10 000 kamen zum Ida Lee Park

 Obama hat in seiner Rede auch China erwähnt: Er wird es nicht zulassen, dass in China die besten Windräder gebaut werden und dass dort die modernste Schnellzugstrecke entsteht und nicht in den USA. Die Amis und ihre Superlative! Das ist ein Phänomen, so wie Obama. Er kann live überzeugen, aber mich langweilen die immergleichen, allgemein gehaltenen Reden mittlerweile total. Gut, dass ich nicht schon länger als zwei Monate hier bin. 12 Tage wird der Wanderprediger jetzt noch unterwegs sein, um sein Projekt „44. Präsident“ zu verwirklichen. Vor der Rally wurde übrigens kollektive gebetet. Meine Vermieterin Paula fragte mich, als ich es ihr erzählt habe: „Zu wem? Allah, Jesus, Buddah?“. Darauf wusste ich auch keine Antwort. Vielleicht zu Obama?

Wer kennt diesen legendären Satz aus Apollo 13 nicht? Im Air and Space Museum an der Mall in D.C. gibt es viele Originalgegenstände aus der Raumfahrtgeschichte der Amerikaner zu sehen. Darunter natürlich auch ein originales Stück vom Mond, das ich natürlich berührt habe. Ganz ehrlich, fühlt sich nicht besonders an. Das sagt mir: Wir müssen also keine Angst vor Aliens haben, wenn sich selbst der Mondstein ganz normal anfühlt. Wirklich sehr beeindruckende Flugzeuge, Raumkapseln usw usw usw in dem Museum. Also wer mal da ist, sollte da auf jeden Fall rein. Leider hat meine Kamera gespinnt oder besser gesagt: Ich habe die Kamera drei Tage angelassen und da war natürlich die Batterie leer. Shit happens. Darum nur ein paar Fotos, aber vielleicht werde ich nochmal vorbeischauen.

Sprung in die Baumwolle

Oktober 15, 2008

Wisst ihr, wo das T-Shirt herkommt, das ihr gerade anhabt? Okay, vielleicht steht „Made in Taiwan“ drauf, aber die verarbeitete Baumwolle könnte auch von Feldern in Smithfield/Virginia kommen. Dort ist die Farm der Familie Oliver, in der Nähe von Norfolk ganz im Süden Virginias, unweit der Atlantik-Küste. Gestern war es da satte 30 Grad warm und nach ein paar Stunden Dreharbeiten auf dem Feld ist uns glatt das Wasser ausgegangen: worst case!

Kameramann Stefan beim Dreh

Kameramann Stefan beim Dreh

Wir (Kameramann Stefan & Soundman Brian und ich) waren gestern den ganzen Tag für den Dreh unterwegs, von Sonnenauf- bis -untergang und noch ein bisschen länger. Farmer-Sohn Tyler (10) hat uns den ganzen Ernteablauf („cotton picking“) vor der Kamera erklärt. Die Ernte übernehmen große Maschinen (das, was früher die Sklaven gemacht haben). Die Erntemaschinen pflücken die Baumwollstauden ab und sammeln hinten in einem Ladewagen die Baumwolle. Danach werden die weißen Flocken auf dem Feld in eine rechteckige „Backform“ eingeladen und zusammengepresst. Diese mechanische „Backform“ spuckt dann einen großen Baumwollballen aus. Die rechteckigen Baumwollklötze (so groß wie ein kleiner Lastwagen) holt noch am gleichen Tag ein alter, klappriger Truck ab und bringt die Rohwolle zur „cotton gin“.

Das Pressen der Baumwolle auf dem Feld macht Tylors Mum Pam. Die Erntemaschine fährt (natürlich) meistens Daddy Jimmy, Tylor hat für uns am Lenkrad des Ernters aber Probe gesessen. Und Tylor ist total begeistert vom „Farming“ und will das später weiter machen. Er hat ganz viele Spielzeugtraktoren in seinem Kinderzimmer, schläft auf einem John-Deere-Kissen und ist ganz stolz auf seinen eigenen kleinen Baumwollgarten direkt neben dem Farmhaus.

Nein, das ist nicht die afrikanische Savanne ;)

Nein, das ist nicht die afrikanische Savanne 😉


Der Dreh & das Fragen draußen auf dem Feld hat echt richtig Spaß gemacht und war für mich als Schwarzwald-kid natürlich eine super Abwechslung zum Büro- und Nachrichtenalltag in Washington: endlose Felder mit Erdnussstauden, Mais und natürlich Baumwolle, dazu blauer Himmel. Es roch nach Land und Ernte, unser Van und die Crew sind ordentlich dreckig geworden und braun von der Südstaaten-Sonne.

Der absolute Höhepunkt war dann der Sprung in die Baumwolle: kratzt nicht, so wie Heu, und ist total weich. Das macht Spaß! Schade, dass es im Schwarzwald ein bisschen zu kalt und naß ist, um Baumwolle zu pflanzen, sonst würde ich das im Jostal gleich mal austesten.

Fernsehen war gestern Outdoor-Abenteuer und harte, aber interessante Arbeit! Und das gestern war ein völlig anderes Amerika wie das DC-Amerika – Landluft und Landwirtschaft am Longview Drive.

Die Reportage haben wir für das ZDF-Kindermagazin „PUR“ gedreht (Sendetermin 6.12.).

„G7 is useless“

Oktober 12, 2008

In einem Hotel an der M-Street: Brötchen, O-Saft , Käse, Wurst, also „German Breakfast“ und kratzende Messer auf den Tellern. Keine gute Idee, ein Essen mit einer Pressekonferenz zu verbinden, sagt zumindest unser Tonmann Doug.

Auf dem Weg zu jener PK begegnete ich schon Peer Steinbrück auf dem Hotelflur. Man muss also nur wissen, in welchem Hotel die „Promis“ so absteigen und mal dreist vorbeischauen. Mittlerweile komme ich mir schon ein bisschen vor wie ein „Polit-Groupie“. Aber ich war ja ganz legal dort, zum Arbeiten. Und in den USA sind deutsche Politker ohnehin nur Semiprominenz. Da kommt man dann ohne Sicherheitschecks in solche Hotels rein. Steinbrück war in DC, um einen Master-Plan zur Finanzkrise zu finden zusammen mit den anderen G7-Finanzministern. Außerdem war die IWF- und Weltbank-Jahrestagung.

Unmittelbar nach Konferenzende hat sich der DPA-Mann schon mit Stöpseln im Ohr wild tippend an seinen dpa-Computer gesetzt – die Zeitungen zu Hause warteten ja sicher schon auf ihn. Es war schließlich schon sechs Stunden später in Deutschland (15 Uhr am Freitag). Wir hatten es auch eilig und mussten zur nächsten Pressekonferenz hetzen.

Denn nachdem wir Steinbrück abgefrühstückt hatten (sorry für das Wortspiel, aber das MUSSTE einfach sein), sind wir zur Rede von Dominique Strauss-Kahn, IWF-Chef, gefahren. In ein anderes Nobelhotel. Dort hat er über die Finanzkrise und die Implikationen für den IWF gesprochen. In einem Nebensatz gegen Ende seiner Rede meinte Strauss-Kahn, dass die G7 doch nutzlos sind. Die würden sich nur treffen, ein wenig debattieren, irgendetwas unverbindliches bekannt geben und nach Hause fahren. Mutige Einschätzung, aber sicher nicht aus der Luft gegriffen.

Zuvor hatte Strauss-Kahn den IWF als Helfer aus der Finanzkrise vorgeschlagen – das machen IWF und Weltbank ja im Grunde ständig, marode Bankensysteme in Staaten sanieren. Die Größenordnung ist natürlich eine andere, wenn man vergleicht. DIe Krise werde in jedem Fall die Verhaltensmuster bei Konsum und Spar/Investitionsentscheidungen der Menschen verändern. Sie werden vorsichtiger sein. Der IWF hat Erfahrung in der Finanzdiplomatie. Darum empfahl Strauss-Kahn seine UN-Organisation, um dem Krisenmanagement einen institutionellen Ort zu geben und nicht bei einer „useless G7-Tagung“ abgehandelt werden zu müssen.

Strauss-Kahn könnte auch schlicht neidisch sein. Das unnütze G7-Treffen hat dem IWF und der Weltbank bei IHRER Jahrestagung doch glatt die Show gestohlen – obwohl dort nur sieben und nicht 185 Staaten beteiligt sind. Vielleicht auch gerade weil. Man sollte sich schließlich zeitnah auf einen Master-Plan einigen.

Finanzpolitiker aus aller Welt treffen sich ja gerade hier in Washington zum alljährlichen Plausch über die Weltwirtschaft. In diesem Jahr finden die ungezählten Konferenzen von Weltbank und IWF auch ihren Widerhall in den Medien, schließlich schmieren Dow, Dax und Nikkei alltäglich ab und stellen neue Negativrekorde auf. Great Depression ist das Schreckgespenst, dass in aller Munde ist. Wird es wieder so wie 1929? Wann springt der erste Banker wie damals in den Tod?

Wegen des Weltbanktreffens hat die Polizei mehrere Blocks im Regierungsviertel gesperrt, damit Paulson und Co. die Wirtschaftskrise lösen können. Besucher dürfen nur in 50 Meter Entfernung an Weltbank und IWF vorbeigehen – normalerweise kommt man direkt bis zum Eingang. Aber bei einem Treffen dieser Größenordnung sind solche Sicherheitsvorkehrungen auch sicherlich nötig. Wenn man die Zahlen hört, mit denen die Politiker gerade hantieren, dann muss man sich ja schützen.

Vielleicht zeigen sich die ersten Anzeichen der Konsumflaute schon darin, dass nur Touris entlang von IWF und Weltbank schlendern. Selbst langhaarige Berufsdemonstranten in Birkenstocksandalen, die sich meistens bei derartigen Treffen bemüßigt fühlen mehr oder minder unqualifizierte Sprüche oder Plakate mit sinnfreiem Inhalt wider dem angeblich neoliberalen Zeitgeist in der Öffentlichkeit kundzutun, fehlen diesmal komplett. Einzig und allein eine Studentengruppe informiert über die Auswirkungen der Finanzkrise und ihre Meinung dazu – eine Demonstration ist das nicht. Der Weg scheint aber auf jeden Fall besser zu sein, viele Konferenzteilnehmer halten bei den Studis an, suchen das Gespräch und erklären ihre Motive.

Übrigens: Ich war beim Friseur – naja würde ich zum Ergebnis sagen. US-Friseure scheinen doch ein Fachvokabular zu besitzen, dass ich nicht habe. Ich habe zwar nicht ganz den gewünschten Schnitt bekommen, aber was soll´s. Eine Glatze habe ich nicht und eine Kappe muss ich mir auch nicht kaufen.